Der innere Kritiker ist diese Stimme in deinem Kopf, die dir immer wieder einredet, nicht gut genug zu sein. Er meldet sich ungefragt und schürt Selbstzweifel. So paradox es klingt: Früher hatte er eine wichtige Funktion. Als Kind war es für dich überlebenswichtig, die Bindung zu deinen Eltern oder anderen Bezugspersonen aufrechtzuerhalten. Wenn du nicht ausreichend liebevoll behandelt wurdest, hast du die Schuld eher bei dir gesucht, statt die Beziehung zu gefährden. Dieses Anpassungsmuster ist hartnäckig. Um den inneren Kritiker zum Schweigen zu bringen, muss dein Körper Sicherheit erleben und spüren. Verstehen allein reicht nicht, um ihn zu besänftigen.
Zusammenfassung:
Der innere Kritiker entsteht, wenn du dich in deiner Kindheit nicht ausreichend sicher fühlst. Er ist eine Mischung aus Scham und Angst. Scham, nicht richtig zu sein, und Angst, verlassen zu werden. Diese innere Not versetzt dein Nervensystem in eine ständige Übererregung, die du mit Perfektionismus zu bewältigen suchst. Der hilft dir, nicht aufzugeben. Als Erwachsene kannst du den Kritiker entmachten, indem du ihn als Gedankenkonstrukt entlarvst, dem du nicht länger Glauben schenkst und indem du gesunde Wut auf die zulässt, die an seiner Entstehung beteiligt waren.
Der innere Kritiker und unsichere Bindung
Für Kinder ist die Bindung an eine Bezugsperson ein biologischer Imperativ. Hier gibt es nichts zu verhandeln, Bindung ist überlebenswichtig, denn ohne kümmernde und versorgende Erwachsene kann ein Kind nicht überleben.
Wenn Eltern oder andere Bezugspersonen außerstande sind, dem Kind ein ausreichend sicheres Umfeld zu bieten, passt sich das Kind an. Es stellt sich selbst und seine Bedürfnisse zurück, während es gleichzeitig die Verantwortung für das Verhalten der Erwachsenen übernimmt. Das Kind macht die Erfahrung von „Ich bin nicht richtig, sonst würden sie mich nicht so behandeln“ und „Ich muss besser werden, damit sie mich nicht verlassen.“ Scham und Angst entwickeln sich oft früh, noch bevor du sprechen kannst.
Die Schuld für das elterliche Verhalten zu übernehmen, eröffnet dir einen Handlungsspielraum. Sie geht einher mit einer gewissen Kontrolle und der Hoffnung, an der Situation etwas verändern zu können: Wäre ich nur nicht so bedürftig, so emotional, so tollpatschig. Wenn ich nur Mama mehr helfen würde, wenn ich nur bessere Noten hätte, wenn ich nur noch besser Tennis spielte, wenn ich häufiger aufpasste auf meine Geschwister, dann würden sie mich sehen, wertschätzen und liebhaben.
Dich anzustrengen, um alles richtig zu machen, ist dein roter Faden für Veränderung. Dabei gerätst du in einen Teufelskreis, denn das Perfekte ist leider unerreichbar. Alles, was nicht perfekt ist, führt zu erneuer Selbstkritik, die wiederum deine Angst verlassen zu werden anfacht, der du mit noch mehr Anstrengung beizukommen suchst. Das ist ein Spiel, das du nicht gewinnen kannst.
Warum du deinen inneren Kritiker auch als Erwachsene nicht so leicht loswirst
Bewährte Anpassungsmuster an nicht ausreichend erlebte Sicherheit in der Kindheit sind hartnäckig. Als Erwachsene bist du nicht mehr auf deine Eltern angewiesen, dennoch hast du weiterhin diese Stimme im Kopf, die dir heute das Leben schwer macht. Du stellst immer noch überhöhte Anforderungen an dich, gehst hart mit dir ins Gericht und witterst überall Gefahr. Ob in der Beziehung oder im Job, dein Kritiker schürt ständig Angst, verlassen, bloßgestellt oder ausgeschlossen zu werden
7 Tipps, um deinen inneren Kritiker zum Schweigen zu bringen
Hier sind sieben Tipps, die dir helfen können, deinen inneren Kritiker zum Schweigen zu bringen. Alle Anregungen eigenen sich zum Nachspüren: Wie fühlt sich dein Körper jeweils an?
- Mach dir immer wieder bewusst, dass es nur Gedanken sind, die da in deinem Kopf ihr Unwesen treiben. Es sind keine Tatsachen und keine Fakten. Deinen Gedanken musst du nicht alles glauben.
- Um Distanz zum Kritiker zu haben kannst du (laut) sagen: Ich habe den Gedanken, dass mit mir etwas nicht stimmt. Da ist der Gedanke, ich sei wertlos.
- Den negativen Gedanken kannst du sofort positive entgegensetzen: Ich bin wertvoll, so wie ich bin. Auch wenn dir das nicht leicht fällt, oder du dir selbst nicht sofort glauben kannst, so unterbrichst du damit doch die üblichen Reaktionsmuster in deinem Gehirn.
- Mach dir klar, dass der Kritiker eine Anpassung daran ist, wie du als Kind behandelt wurdest. Er sagt nichts aus über dich und deinen Wert! Entscheide dich bewusst, die Kritik dort zu lassen, wo sie hingehört, nämlich bei deinen Eltern, und sie nicht länger gegen dich zu richten.
- Gesunde Wut ist ein wirkungsvolles Mittel, den inneren Kritiker in die Schranken zu verweisen. Die Aggression des Kritikers kannst du zurückweisen und auf diejenigen richten, die sie verursacht haben. „Ich lasse nicht zu, dass ihr mir weiterhin wehtut.“
- Falls es dir schwerfällt Wut zuzulassen, frag dich: Wo in mir gibt es einen kleinen Teil, der ein bisschen wütend ist? Was weiß dieser Teil?
- In welchen Situationen und mit welchen Menschen hast du dich richtig und gut gefühlt? Such mehr solcher Situationen.
Fazit: Du kannst den inneren Kritiker stoppen
Dein innerer Kritiker ist eine Anpassung an schwierige Familienverhältnisse in deiner Kindheit. Auch wenn er dir heute das Leben schwer macht, so war er doch einmal sinnvoll und hilfreich, um Dysfunktionalität zu überleben. Leider verschwindet er nicht von selbst, nur weil zu jetzt erwachsen bist. Lass dich davon nicht entmutigen und nutze die obigen Tipps, um ihn in immer wieder in seine Schranken zu verweisen und dein Leben voll Vertrauen in dich und deinen Wert zu erfahren.
Mehr über den inneren Kritiker kannst du bei Pete Walker lesen!
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