Integrale Somatische Psychologie (ISP): Emotionen nicht länger unterdrücken und deine Wahrheit leben

Deine Emotionen sind immer da, selbst dann, wenn du sie nicht wahrnimmst. Sie zuzulassen hilft dir, dein Leben nach deinen Werten zu leben.

Emotionen – nein danke? Wir alle haben einen instinktiven inneren Widerstand, dahin zu gehen, wo es unangenehm oder schwierig für uns ist. Kennst du das auch? Vermeidest du es nach Möglichkeit, Emotionen wie Angst, Traurigkeit, Ärger, Scham oder Schuld fühlen zu müssen? Lenkst du dich lieber ab und scrollst durch die sozialen Medien? Gehst du an den Kühlschrank? Machst du dir erstmal einen Kaffee oder trinkst ein Glas Wein?

Vielleicht fällt es dir auch sehr schwer, deine Emotionen überhaupt wahrzunehmen? Dies ist oft die Folge, wenn du als Kind lernen musstest, dass deine Emotionen nicht wichtig und nicht erwünscht sind.

Jede Emotion enthält eine Botschaft. Angst verhindert, dass du dich einer Gefahr aussetzt. Einsamkeit lässt dich Kontakt zu anderen suchen. Deine Emotionen sind wie ein Kompass. Sie zu fühlen und mit dem darin enthaltenen Wissen in Kontakt zu kommen, kann viele positive Auswirkungen auf dein Leben haben: auf Entscheidungen, die du triffst, auf deine Beziehungen und nicht zuletzt auf Symptome.

Die Integrale Somatische Psychologie (ISP) ist ein Therapieansatz, der durch Verkörperung deine Toleranz gegenüber unangenehmen Emotionen vergrößert und so zu ihrer Heilung beiträgt.

Da Gefühle und Emotionen umgangssprachlich synonym verwendet werden, halte ich es in diesem Artikel ebenso.

Was sind Emotionen?

Emotionen sind das Ergebnis deiner Einschätzung, wie sich eine Situation auf dein Wohlbefinden auswirkt. Du triffst hier keine bewusste kognitive Entscheidung. Dein autonomes Nervensystem nimmt diese Einschätzung „eigenmächtig“ vor und gleicht dabei aktuelle Ereignisse mit früheren Erfahrungen ab. Daher stimmt das, was du über eine Situation denkst nicht unbedingt überein mit dem, was du innerlich fühlst.

Das bedeutet auch, du hast ständig Emotionen. Die spannende Frage ist: bist du dir ihrer bewusst? Oder tendierst du eher dazu, sie zu ignorieren und dich abzulenken, um sie nicht fühlen zu müssen?

Welche Emotionen gibt es?

Je nach Theorie und Forschungsansatz wird zwischen primären und sekundären Emotionen unterschieden. Sekundäre Emotionen werden dabei als Kombination verschiedener primärer Emotionen verstanden, so, wie du das von Farben kennst.

Primäre Emotionen:

  • Freude
  • Traurigkeit
  • Angst
  • Ärger / Wut
  • Ekel
  • Überraschung

Beispiele für sekundäre Emotionen:

  • Zufriedenheit
  • Hoffnung
  • Neid
  • Eifersucht
  • Scham
  • Schuld
  • Einsamkeit
  • Hilflosigkeit
  • Überforderung

Es gibt auch sogenannte sensomotorische Empfindungen wie

  • sich gut oder schlecht fühlen
  • eine unerträgliche Leere spüren
  • überwältigt sein

Du siehst, die Liste ist lang und längst nicht vollständig.

Was sind negative oder positive Emotionen?

Mir persönlich gefällt diese Unterteilung nicht. Jede Emotion ist wichtig, weil sie eine Information für dich hat! Natürlich sind Emotionen wie Angst oder Traurigkeit schwieriger zu tolerieren als Freude oder Hoffnung, aber damit sind sie nicht negativ im eigentlichen Wortsinn.

Jede Emotion ist von Bedeutung: Angst warnt dich vor Gefahr, Wut hilft dir Grenzen zu setzen, Ekel verhindert, dass du Ungenießbares zu dir nimmst. Trauer ist wichtig, um einen Verlust zu verarbeiten. Überforderung ermöglicht dir, Unterstützung zu organisieren.

Keiner von uns möchte leiden. Freud nannte das das Lustprinzip. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass du schwierige Emotionen nicht unbedingt mit offenen Armen willkommen heißt, obwohl das tatsächlich eine gute Idee wäre. Im Allgemeinen ist es leichter sie zu ignorieren, zu verdrängen und dich abzulenken. Nur leider ist es ein Irrtum zu glauben, damit seist du sie los.

Wie lernst du, Emotionen zu erkennen?

Im Idealfall lernst du von deinen Eltern, Emotionen zu erkennen und dass sie da sein dürfen. Du entwickelst dadurch ein Vertrauen, mit deinen Empfindungen richtig zu sein.

Wenn dich andere Kinder nicht mitspielen lassen und du weinst, und deine Mutter beispielsweise liebevoll sagt: „Du bist traurig, weil du nicht mitspielen darfst. Das verstehe ich.“ Oder du hast dich auf einen Ausflug gefreut, aber es kommt etwas dazwischen. Dein Vater sagt dann vielleicht: „Ich verstehe, dass du enttäuscht bist, wir holen das nach.“ Als Kind lernst du, „Aha, so fühlt sich Traurigkeit an“ und „So fühlt sich Enttäuschung an.

Gleichzeitig lernst du dadurch

  • deine Reaktion ist angemessen und richtig
  • du bist berechtigt, deine Gefühle zu zeigen und auszudrücken
  • du bist richtig

Leider ist die Realität häufig eine andere. Viele Eltern haben wenig Zugang zu ihren eigenen Gefühlen und sind überfordert mit deinen.

Tatsächlich werfen auch hier der letzte Weltkrieg und die sogenannte „schwarze Erziehung“ ihre langen Schatten: Man solle Kinder nicht verwöhnen, Babys schreien lassen. Das Buch von Johanna Haarer „Die Mutter und ihr erstes Kind“ mit diesen und ähnlich lieblosen, ich möchte fast sagen zerstörerischen „Ratschlägen“, wurde in der NS-Zeit und danach noch bis in die 70er Jahre hinein verlegt. Unglaublich!

Eine Klientin sagte mir einmal, Emotionen seien ihrer Ansicht nach überflüssig. Sie verleiteten sie nur etwas zu kaufen, was sie gar nicht brauche. Ihre Mutter habe auch keine Emotionen gehabt und sei damit gut klar gekommen. Die Mutter dieser Klientin musste während des Krieges aus dem Osten flüchten.

Emotionen unterdrücken als Schutz und Überlebensstrategie

Wir unterdrücken Emotionen, um uns zu schützen. Manchmal machen wir das bewusst, weil wir beispielsweise im Büro nicht in Tränen ausbrechen möchten. Meistens jedoch geschieht dies unbewusst. Wir nehmen gar nicht wahr, dass da gerade eine innere Unruhe oder eine Anspannung in uns ist. Oder vielleicht nehmen wir sie wahr, wissen aber nicht, was genau es damit auf sich hat und wie wir damit gut umgehen können. Stattdessen greifen wir zum Handy und lenken uns ab, arbeiten zu viel oder gehen an den Kühlschrank.

Bereits als Kind lernst du, ob deine Gefühle willkommen sind, oder nicht. Wie war der Umgang mit Emotionen in deiner Familie?

  • Konnten deine Eltern ihre Gefühle zeigen und darüber sprechen?
  • Haben sie Verantwortung für ihre eigenen Emotionen übernommen?
  • Haben sie deine Gefühle ernst genommen?
  • Haben sie dir die Schuld für ihr Verhalten gegeben, indem sie dir vorwarfen, zu laut, zu anstrengend oder zu ungehorsam zu sein?
  • Hast du dich oft beschämt gefühlt?
  • Wurde dir vorgeworfen, du seist so anstrengend oder so empfindlich?
  • Musstest du alleine mit deinen Gefühlen klarkommen?
  • Oder hast du lernen dürfen, dass deine Emotionen eine Berechtigung haben?
  • Hast du lernen dürfen, dass Gefühle kommen und gehen und nicht ausagiert werden müssen?

Als Baby und als Kind folgst du einem zwingenden inneren Impuls, um jeden Preis die Bindung zu erhalten. Ohne Bindung zu einem Erwachsenen kannst du nicht überleben. Bist du als Kind mit deinen Gefühlen nicht willkommen, unterdrückst du sie. Manchmal vergräbst du sie so tief in dir, dass du selbst keinen Zugang mehr dazu hast, auch später nicht als Erwachsene.

Das ist eine Traumareaktion. Ein Schutzmechanismus aus Angst, die Bindung zu verlieren und nicht richtig zu sein. Ein Schutzmechanismus, um nicht spüren zu müssen, wie weh es tut, nicht gesehen und liebevoll gehalten worden zu sein.

Welche Folgen haben unterdrückte Emotionen?

Wer bestimmt über dein Leben? Du oder deine (unterdrückten) Emotionen?

Deine Emotionen sind da, auch dann, wenn du sie nicht fühlen kannst. In dem Fall mischen sie im Untergrund mit. Sie beeinflussen deine Beziehungen, wie du mit Herausforderungen umgehst und überhaupt, welchen Blick du auf die Welt hast. Je nachdem, ob du überwiegend fröhlich, traurig oder sauer bist, denkst du anders über Menschen und Begebenheiten und verhältst dich anders.

Vielleicht reibst du dich auf in dem Versuch, es anderen recht zu machen? Zu der Wut, die darunter liegt, hast du keinen Zugang, weil du nie gelernt hast, deinen Ärger zu spüren und Grenzen zu setzen. Oder du wirst schnell genervt und wütend und es ist dir gar nicht klar, dass eigentlich eine alte Angst nicht zu genügen dahinter steht? Emotionen zu erkennen und zuzulassen hilft dir, ein authentisches Leben nach deinen Wahrheiten zu leben.

Es gibt diese schöne Metapher von dem Reiter – das bist du – und seinem Pferd – das sind deine Emotionen. Die Frage ist: Reitest du das Pferd oder reitet das Pferd dich? Wer von euch beiden hat die Zügel in der Hand?

Schimmelreiter, Hans-Jürgen Geyer: Metapher für Pferd (Emotionen) und Reiter
Wer hat die Zügel in der Hand? Der Reiter oder das Pferd?

In Kontakt mit unangenehmen Emotionen zu kommen ist schwer, weil so viel Schmerz damit verbunden ist. Aber wenn du lernst mit ihnen zu sein, ohne dass du dabei den Boden unter den Füßen verlierst, hilft dir das, die Kontrolle über dein Leben zurückzubekommen. Du wirst wieder Reiter und gibst die Richtung vor.

Unterdrückte Emotionen verursachen körperliche und seelische Symptome

Emotionen möchten gesehen werden. Sie möchten validiert werden. Du kannst dir selbst sagen: „Ich bin gerade traurig / ängstlich / wütend, und das ist ok so“. Sie anzuerkennen ist der erste Schritt, um einen guten Umgang mit deinen Gefühlen zu finden. Sie wegzudrücken ist ein Kampf gegen dich selbst.

Für deinen Körper ist es anstrengend, Emotionen zu unterdrücken. Irgendwann ist die Anstrengung zu groß, irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem sich körperliche und / oder seelische Symptome entwickeln.

  • chronisch angespannte Muskulatur
  • flache Atmung
  • Herzrasen und Bluthochdruck
  • chronische Schmerzen
  • Migräne
  • chronische Erschöpfung
  • Magen- / Darmprobleme
  • Schlafstörungen
  • innere Unruhe
  • Ängste und Panikattacken
  • Depressionen
  • innere Leere

Integrale Somatische Psychologie und die Verkörperung von Emotionen

In der Integralen Somatischen Psychologie geht es darum, eine Emotion körperlich wahrzunehmen und sich ausdehnen zu lassen. Gefühle gehen mit einer Körperempfindung einher. Du kennst sicher die folgenden Redewendungen:

  • das schnürt mir die Kehle zu
  • ich habe einen Kloß im Hals
  • mir sitzt etwas im Nacken
  • das nimmt mir den Atem
  • mein Herz hüpft vor Freude
  • mir ist leicht ums Herz
  • mein Herz schlägt mir im Hals bei Aufregung
  • ich stehe mit beiden Beinen fest auf dem Boden
  • etwas zieht mir den Boden unter den Füßen weg

Eine Emotion, im Kontext einer bestimmten Situation, zu benennen und im Körper wahrzunehmen ist ein wichtiger Schritt. Der nächste Schritt ist, sie im Körper auszudehnen. Spürst du deine Angst beispielsweise als Enge in der Brust, kannst du dir vorstellen, dass sich diese Enge vergrößern darf. Dann sitzt die Angst nicht mehr so konzentriert an einem Punkt, sondern hat sich ein bisschen breit gemacht und du spürst sie vielleicht in der ganzen Brust. Damit wird sie erträglicher! Wenn möglich, darf die Angst sich weiter ausdehen, bis du sie im ganzen Körper wahrnehmen kannst.

Hört sich verrückt an? Wozu ist das gut?

  • eine Emotion, die sich im Körper ausdehnen kann, fühlt sich weniger intensiv an. Es packen quasi alle mit an.
  • ist die Emotion erträglicher, ist es leichter, sie dasein zu lassen
  • je länger sie bleiben kann, desto mehr Zeit bekommt dein Gehirn, sie zu verarbeiten
  • je länger sie bleiben kann, desto eher kann sie heilen
  • du kommst in Kontakt mit Informationen, die in dieser Emotion stecken und die kognitiv nicht abrufbar sind
  • es ergeben sich neue Verhaltensimpulse

Dein Körper wirkt hier wie ein Container. Je größer der Container, desto besser gelingt es dir, mit unangenehmen Emotionen zu sein.

Studien belegen, dass eine Toleranz für schwierige Emotionen sich auf verschiedene Ebenen deines Lebens positiv auswirkt:

  • dein Denken
  • deine Entscheidungsfindung
  • dein Verhalten
  • deine Beziehung zu anderen Menschen

Fazit: Unterdrückte Gefühle wieder zulassen lernen

Emotionen haben einen Sinn und eine Botschaft, die gehört werden will. Unterdrückte Gefühle lösen sich nicht von alleine auf, im Gegenteil. Langfristig können sie dich krank machen, wenn du gegen deine eigene Wahrheit lebst. Deine Emotionen zu fühlen gibt dir Klarheit über das, was dir im Leben wichtig ist und was du tun kannst, um dein Leben nach deinen Vorstellungen und Werten zu leben.

Hast du dazu Fragen oder suchst du Unterstützung? Vereinbare gerne dein kostenloses Kennenlerngespräch! Ich freue mich darauf, dich kennenzulernen.

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Stefanie Wittiber-Schmidt

Heilpraktikerin, Somatic Experiencing, Rolfing Strukturelle Integration, Integrale Somatische Psychologie

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2 Kommentare zu „Integrale Somatische Psychologie (ISP): Emotionen nicht länger unterdrücken und deine Wahrheit leben“

  1. Liebe Stefanie,
    ich mag das Thema sehr, denn es gehört zu uns Menschen dazu. Leider verstecken sich soviel Menschen und wollen da nicht hinsehen, wenn es um Wut, Trauer, Angst geht.
    Um so mehr wir darüber Bescheid wissen, um so besser können wir mit uns oder den Mitmenschen umgehen! Ich freue mich auf weitere Beiträge! ☀️❤️Liebe Grüße Sue

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